Rollenspiel der Götterkrieg

[ zurück zur Hauptgeschichte ]

1. Die Halle des Eisfürsten

Ein leises, düsteres Lachen zog durch die eisigen Hallen. Vier krallenbewehrte Hände bohrten sich in die Armlehnen des hohen Throns, der auf einer Empore weit über die versammelten Heerscharen hinweg ragte.

Obwohl die Umgebung von tödlicher Kälte durchzogen war, hing der Geruch der Verwesung in der Luft. Ein leises Zischeln und Knistern ging durch die Reihen der widerwärtigen Wesen, die sich eingefunden hatten.

>>BAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAALAEN!<< mit donnernder Stimme hob das Ungetüm, dass auf dem Thron Platz genommen hatte, seinen deformierten rechten Arm. Bebend brach eine kleinere Gestalt, in Lumpen gehüllt, auf dem vereisten Boden zusammen. Die umstehenden grässlich entstellten, nur entfernt human wirkenden Diener des Ezkaels schnellten auseinander und bildeten einen Kreis, aus dem es für Baelen kein Entkommen gab. >>H...herr?<< die Stimme war nur ein Flüstern, halb gebrochen, kaum zu vernehmen. Langsam beugte der gehörnte Meister der Heerscharen sich nach vorne und winkte den Wurm mit einer ungelenken Bewegung seines seltsam missgestalteten Armes näher. >>Komm, komm mein Freund.<< Ein grausames Lächeln entblößte die spitzen Zähne des obersten Herrn und lies seinen Gesichtsausdruck noch diabolischer wirken, als seine gespaltene Zunge über seine Lefzen schleckte. >>Jämmerlicher kleiner Baelen. Sag mir, was führt dich her?<< Das angesprochene, zusammengekauerte Bündel zuckte zusammen. >>H..herr. Ich weiß ich bin in Ungnade gefallen, doch bringe ich wichtige Neuigkeiten, von dort oben. Oh Herr, wie lange schon weilt ihr eingesperrt in diesen Hallen? Die Welt wurde eurer glorreichen Anwesenheit beraubt, schon viel zu lange.<< Baelen kroch näher, was die Reihen vor ihm auseinander trieb. Seine Stimme hatte an Festigkeit gewonnen. Er wusste noch zu gut, wie es war, an der Seite seines Herren auszuharren, als dieser noch Tod und Verderben über die Welt brachte. Schöne Weisen konnte er dem grobschlächtigen Uralten ins Ohr flüstern, sein Gemüt beruhigen, wenn er kurz davor stand alles zunichte zu machen, wofür sie gearbeitet hatten. Sie waren ein und dasselbe, zwei Seiten ein und derselben Goldmünze. Und dennoch hatte Ezkael es gewagt ihn zu verstoßen. Für was? Ein törichtes Versehen? Oh nein, es war kein Versehen, was damals auf Pantagruel geschah. Kein Versehen, oh nein.

Baelen zischelte, als er die unterste Stufe der Empore berührte, die zu dem uralten Wesen hinaufführte. Drohend schwebte dessen verkrüppelter Arm immer noch in der Luft, eine Klaue ausgestreckt, auf ihn deutend. Den zweibeinigen Wurm. >>Baelen. Mein Bester. Mein Einziger. Was bringst du für Nachrichten aus der Welt der Verdammten?<< - >>Mein Fürst, die Menschheit kränkelt. In Blutschande und Kriegsfehden zerfallen bestreiten sie einander und schwächen sich gegenseitig. Horadrim, der einstige, ist schon lange gefallen. Nachkommen klammern sich an den Thron, doch der Glauben vieler in ihre Führung ist erloschen. Tugend ist nur noch ein daher gebrabbeltes Wort. Viele Anhänger Kerissas haben dem Reich des Horadrim den Rücken zugekehrt in den vergangenen Jahren. Tempus Streiter traten an ihre Stelle, doch gibt es sie auf beiden Seiten. Interessant, nicht wahr, mein Herr? Geschwächt sind sie, alle samt. Und Garlen?<< ein hohles, heiseres Kichern kam unter der fleckigen Kapuze hervor. >>Trinkt Tee und hütet Shaundakul. Ihre Anhänger stürzen sich hier und da in Auseinandersetzungen, aber hüten sich vor der Offensive. Als ob sie das Licht meiden würden! Doch Fürst, höret, höret mein Herr, mein Gebieter! Jene, die dem Unaussprechlichen dienen, dem Höchsten aller Höchsten...<< Baelen duckte sich, als Ezkaels Hand unwirsch dort durch die Luft fegte, wo sein Kopf gerade noch war. >>Ja mein Fürst, ihr seid auch mächtig. Seht es so: Der Göttliche hat euren Weg bereitet.<< - >>Warum holt er mich dann nicht zu sich?<< Die spitzen Zähne produzierten ein unangenehmes, knirschendes Geräusch, als sie aufeinander rieben. Ein "kleiner" Knochen, vermutlich der ehemalige Oberschenkel eines weißen Drachens, knackte vernehmlich, als sich das Mahlwerkzeug des Uralten in Bewegung setze.

>>Mein Fürst, dies kann ich euch nicht beantworten. Aber eines weiß ich: Die Welt ist schwach! Die Elfen, das elende Pack, sind nicht einmal in der Lage ihre Insel frei zu halten. Das Tor in den Abyss, das der Herr des Nordens niemals öffnen konnte, gewinnt an Kraft. Oh, sie genügte nicht die Scharen des Obersten aus dem Abyss zu holen, doch aktivierte sie die alten Relikte des Kna'Man'Tok. Ihr wisst, welch Kraft in ihnen gebunden ist.<< Ein Raunen und Knistern ging durch den Saal, zischelnd und mit Klacklauten versehen kommunizierten die seltsamen Wesen untereinander, gleichsam in Aufregung wie teilweise in Wut versetzt. >>Dieser Tunichtgut! Elender Nesselball! BRUDER VON GARGAUTHS NACHGEBURT!<< Ezkael brüllte markerschütternd auf und die Stimmen der Heerschar fielen mit ein.

Langsam, bedächtig, kroch Baelen die erste Stufe der Empore hinauf. >>Fürst Ezkael, denkt nur...<< säuselte er, mit anmutig, fast im Sing-Sang modulierter Stimme, >>...wozu uns diese Macht befähigen würde? Euer Gefängnis könnte zum Einsturz gebracht werden. Eure Herrlichkeit würde die Welt wieder mit Chaos überziehen. Stellt Euch vor, wie in alten Zeiten. In uralten Zeiten...<< Ezkael richtete sein eisblaues Auge, in dessen Tiefe ein unheilvolles Glühen entflamm, auf die zusammengekauerte Gestalt, die seine Füße - falls man diese prankenähnlichen Gebilde so nennen konnte - fast erreicht hatte. Das milchig-trübe Auge der versengten und verunstalteten Körperhälfte des Ungetüms blieb hingegen starr in den Saal gerichtet.

Ein tiefes Grollen entrang sich der Brust Ezkaels. Leise klirrten die Eiszapfen, die sich an den Fellresten der Großteiles versengten rechten Körperhälfte des Ungetüms gebildet hatten, über die Jahrhunderte des reglosen Wartens auf dem Thron im Saal der einstigen Herrscher des Chaos. Sieben versteinerte Monster stierten mit Fratzen aus den Ecken herab, an denen sich nichts regte, außer ihren Augen. Doch waren diese Statuen lebendig? War es ein Zauber, erkoren aus der chaotischen Energie, die sich an diesem Ort so stark manifestierte? Es knackte, als sich Ezkael auf den Armlehnen hochstemmte, von denen Eisstücke absplitterten und in ihren schollenartigen Dimensionen erst klar ersichtlich wurden, wenn sie kurz vor dem Bodenaufprall standen. Baelen wimmerte und hob die Arme schützend über seinen Kopf, wobei einer von ihnen genauso grausam entstellt wirkte, wie der Arm des Fürstens. Der andere jedoch trug nur leichte Brandspuren und ein seltsam geartetes Zeichen, das schwach leuchtete.

>>Meine Kinder... meine Brüder, meine Lehnstreuen!<< die Stimme fegte durch den Saal und lies jedes andere Geräusch im Keim ersticken. >>Das Warten hat ein Ende. Ihr werdet mir wiederholen, was mir gehört! Diese Relikte gehörten niemals diesem Dieb, diesem Höllenabschaum, diesem vieläugigen unförmigem Krakengewächs! Geht und holt mir, was mir gehört! Geht und befreit euren Herrn!<<

Und Baelen leises, gestörtes Kichern ging im Lärm des Jubels der Heerschar, in die langsam Bewegung kam, unter.

2. Th'raes Geist

Leise und heimlich stahl sich der Nebel über den Finsterzacken. Zwischen Ritzen und Spalten des plötzlich eisig erkaltenden Felsens wandernd funkelten immer wieder irisierende Farbpunkte auf - Irrlichter? Hier, am Finsterzacken?

Die Orks, tief verborgen in ihren Höhlen, hoben die Köpfe als das Geräusch fallender Körper an kahlen Wänden wiederhallte. >>Mon Goth?!<< grunzte der Anführer der Uruk-Unai fragend, als die letzte Außenwache röchelnd den Einstieg herab stürzte und sich zusammenkrampfte.

Langsam, gespenstischen Gliedmaßen gleich, streckten sich die Nebelfinger nun auch vom Eingang den Orken entgegen, die mit geweiteten Augen zurückwichen.
>>Uruk gatha! URUK GATHAAAA!<< durchdrang der wilde Schrei des Schamanen die Höhle und löste die Erstarrung, die einige der grünen, unschön anzusehenden Wesen ergriffen hatte. Waffen und Rüstungen klirrten, einfache aus Mischeisen grob gehauene Schüsseln und anderes Geschirr polterte zu Boden, als die kaum einen Meter fünfzig hohen Bewohner der Unterwelt auseinander stoben. >>URUK GATHA NAIGA! NAIGA!<< Rennt, rennt zum Ausgang.

Doch für viele war es zu spät. Wenige schafften es einen der Ausgänge zu erreichen, die nicht auf bereits von Nebelschwaden durchzogene Gebiete führten.

Braenen kicherte leise, mit heiserer Stimme, als er einer Schattenfigur gleich den nebeldurchwaberten Eingang zu den Orkunterkünften durchschritt. Hier befand es sich also, irgendwo, der erste geweihte - nein, verbesserte sich der in Lumpenfetzen gehüllte Magier selbst - entweihte Gegenstand Ezkaels. Zumindest hieß es das in den alten Schriften. Tief im Nebelfelsen eingelassen, umringt von den schlafenden Wächtern des Bundes der Götter. Törichte Menschen, törichter Glauben. Längst war dieser kurzlebigen Rasse so viel des alten Wissens entfallen, dass sie wohl gar nicht mehr wussten, was unter ihren Füßen, in ihrer direkten Nachbarschaft, ja, überall auf dieser Welt lauerte. Lauerte oder wartete? Langsam strich sich Braenen über die von Brandnarben gezierte Hand. Sein kleiner Finger war seit jenem Tage verkrümmt, verkrüppelt, nutzlos. Doch jetzt? Jetzt würde es nützen. >>Kschoh chsa<< zischte die lebendige Karikatur eines gesunden Menschen und schleppte seinen abgemagerten Körper gefolgt von einigen nicht minder ungesund wirkenden Gefolgsleuten tiefer in die Gänge der Orkstätte. Hier und da fanden sie noch einen Grünling, auf dem Rücken liegend, mit weitaufgerissenen und herausquellenden Augen. Die Gesichtsfarbe fahl, die Lippen weit aufgestellt, in den letzten Jappsern ihres erbärmlichen Daseins.

Er weidete sich an diesem Anblick, und beobachtete mit Amüsement, wie einer seiner Gefolgsleute ein Orkbein ausriss, um sich dann daran gütlich zu tun. Das Wesen, zwei Meter groß, wirkte eher wie ein verunstalteter Hund, denn wie ein humanoides Wesen. Mit seinen Schultern streifte es fast die Decke und zuweilen musste es bei niedrigeren Durchgängen kriechen, doch die überwiegende Zeit verbrachte es sowieso auf allen Vieren. >>Czoc! Komm her!<< sanft, als würde er ein Kätzchen zum Tollen auffordern. Doch die zu einem dünnen, schadenfrohem Lächeln verzogenen schmalen Lippen verrieten, dass sein Sinn nicht nach einem Spiel stand. Zumindest nicht nach einem Guten. >>Czoc? Czoooc... spürst du es auch? Spürst du die Macht des Fürsten? Garstige Elfen nahmen unserem Herrn was ihm gehörte. Aber weißt du was?<< Braenen kicherte wieder, eine kalte, humorlose Art die einem Schauer über den Rücken jagen konnte, >>Die dunklen Brüder und Schwestern kümmerten sich darum. Aber die Drow hatten keine Ahnung, was sie gefunden hatten. Und so weckten sie den Geist Th'raes und fielen übereinander her. Ja, ja, damals hatten wir noch Freude, mein Meister und ich. Wie schön es war!<< verzückt klatschte er in die Hände und rieb sie anschließend, den Blick fest in Czocs tiefrotem Auge versenkend. >>Czoc, mein Guter. Die Drow gaben es den Orks, damit diese sich darüber zerschlagen würden, und sie ein wenig etwas zu lachen hatten. Gute Leute, diese Drow, gute Leute. Bis sie anfingen, dieses hässliche Vieh anzubeten. Lloth....<< er schnaubte, was Czoc erlaubte, zu Blinzeln und ein tiefes Knurren ertönen zu Lassen. >>Aber aber Czoc. Das Relikt wurde von einem jungen Orkschamanen gestohlen, der dessen Macht für sich beanspruchte. Zu dumm dass er ebenso dem Wahnsinn verfiel, als er es zu Lange bei sich trug. Und nun... bist du hier.<< Braenen beugte sich noch etwas weiter zu dem Auge, so dass sich ein Teil seines Gesichtes darin spiegelte. >>Hörst du Czoc? Der Herr will, dass du es findest. Finde den Geist von Th'raes und ich verspreche dir, du wirst endlich wieder frisches junges Blut zwischen die Zähne bekommen! Du...<<

Doch der Rest seiner Worte ging im schauerlichen Geheul des Fleischreissers unter, der zwei der Gefolgsleute - nicht mehr als wankenden Gerippen mit ein wenig Fleisch und Knochen gleich - mit sich riss als er in die Dunkelheit des vor ihnen liegenden Ganges preschte.

3) Die Erstarkung des Herrn

Geifernd beugte sich Ezkael über die unscheinbare Trommel. Zwischen seinen Klauen wirkte sie wie ein Kinderspielzeug, ein recht schäbiges, wäre da nicht dieses unheilvolle Glühen gewesen, dass im Raum pulsierte. Ausgehend von der Orktrommel, in die der Geist Th'raes gebannt worden war. Tage hatten sie in den tiefen Gewölben des Nebelfelsens zugebracht. Tage die nützlich waren. Dort, in den Untiefen in die sich nicht einmal Orks und Drow hinabwagten, in denen man auch keinem Dunkelzwerg mehr begegnen konnte, schlummerten noch viele Truppen der uralten Gehörnten. Viel Wahl blieb jenen, denen Braenen begegnete nicht: Sie schlossen sich an oder wurden vernichtet. So oder so mehrten sie die Kraft des Fürsten, der ungeduldig auf ihre Rückkehr gewartet hatte.

Nun war es soweit und gierig blickten die Augen der Menge auf das Objekt, das von Ezkael zwischen seinen Fingern mühelos zu Staub zerrieben wurde. Zurück blieb nur das irritierende, blässlich-blaue Leuchten, gleichmäßig pulsierend, wie der Schlag eines Herzens. Aber keine Wärme ging von diesem Licht aus. Es spiegelte sich nicht einmal in den seelenlosen Blicken der Anwesenden. >>Th'rae...<< sprach der Fürst zu dem kurz heller aufflackerndem Licht, >>wie lange bist du mir entkommen? Wie töricht zu glauben, deine Anhänger würden dich wieder holen. Wie töricht zu glauben, du könntest dich ewig auf dieser Verfluchten Welt vor mir verstecken. Die Götter...<< seine Stimme ging in ein dröhnendes, sich fast überschlagendes Lachen unter, dass von den schrillen Lachern und Kichern seiner Heerschar fast zu übertönt werden drohte. >>Dummer kleiner Bruder.<<

Der Fürst hob seine linke, krallenbewehrte Hand zu dem Lichtkegel und stieß diese dann mitten durch diesen hindurch. Der Saal explodierte in grellen Blitzen, die Diener des Uralten stoben kreischend durcheinander und suchten ihr Heil in der Flucht. Braenen wagte es kaum zu Atmen, als er um die Lehne des Thrones herum lugte, um zu Beobachten wie das gleißende Blau über die Haut des Fürsten wanderte, diese in Flammen zu setzen schien. Doch anstatt seinen Körper zu versengen, schien es als würden sich die Narben seines entstellten Körpers stellenweise zurückbilden. Das Licht verlor an Kraft und die tiefen, stoßweisen Atemzüge Ezkaels füllten die Luft des Saales mit kleinen kondensierenden Wolken. >>PACK!<< brüllte der Herr, und sein Gefolge wagte es kaum hinter den Säulen und Eisstalagniten, hinter denen sie Zuflucht gesucht hatten, hervor zu Kommen. Der irre, von Wahnsinn zeugende Blick seines Meisters ließ auch Braenen zurück Schrecken.

>>Wo ist SIE?!<< kreischte das geifernde Urtum, während das Pulsieren des Lichtes versiegte und von den grellen Blitzen nur ein elektrisierendes Knistern im Raum übrig blieb.

>>Wo ist wer, Herr?<< wagte sich Braenen langsam wieder die Stimme zu erheben.

>>Kerissa... ich will Kerissa...<< und der wahnwütige Zustand ließ einen weiteren, langen Geiferfaden von Ezkaels Mundwinkel hinabtropfen.

4. Der nächtliche Nebel

Es passierte öfters einmal, dass den Orkjägern der Weg nach Schattenwinkel verwehrt blieb und die Kutschen in das Gebirge nicht mehr zurückkamen, so dauerte es eine Weile, bis sich herumgesprochen hatte, dass dort draußen etwas nicht stimmen konnte. Von seltsamen Nebelschwaden und nächtlichen Gesängen war die Rede - doch viel dachten sich die Menschen nicht dabei. Sollten sich die Orks doch selbst in den Untergang sprengen - den meisten war es nur Recht.

Erst als der Nebel über das Stammesgebiet der Uruk Unai hinaus wanderte und die Herzlichtung erreichte, wurden sich die Menschen dieser Gefahr bewusst. Die göttliche Aura Kerissas schützte ihre Anhänger und die zu ihre geflohenen Menschen zwar, doch konnten die unglücklichen die Herzlichtung nicht mehr verlassen, um Hilfe in Britain oder Schattenwinkel anzufordern.

Der Nebel indes stahl sich immer weiter. Die Welt kühlte sich ab, aber nur langsam, sehr langsam. Es begann mit einem eisigen Hauch, der wie ein dünnes Flüstern des Windes über das Land zog. Man hätte meinen können, der Winter setzte dieses Jahr nur ein wenig früher ein, oder der Herbst schickte seine Boten in dieser Zeit, dem Anfang vom schleichenden Ende.

Das Leben in Schattenwinkel kam fast zum Erliegen. Gehöft um Gehöft wurde binnen einer Nacht vom Nebel verschluckt und hinterließ nichts. Es war, als würde sich eine unheilige Kolonne über das Land wälzen und jedwedes Leben auslöschen.

Manch tapfere Seelen stellten sich der Ungewissheit entgegen, doch ob Magier oder Krieger, ob Gardist oder Druide, ob Adeliger oder Bauer - am nächsten Morgen fehlte von einem jeden jegliche Spur.

Die wenigen, die überlebt hatten, berichteten voller Grauen von ihrer Flucht. Von unheimlicher Stille. Von den verschwundenen Leichnamen ihrer gefallenen Freunde und Familienmitglieder. Vom Verlust all ihres Hab und Guts. Doch kaum einer wagte es, den Untersuchungstrupp des Reiches, der auf Aideens Geheiß hin zusammen kam, zurück nach Schattenwinkel zu Begleiten.

Die Wälder waren sehr still, denn nur noch vereinzelt ließ ein Vogel sein Lied erklingen. Doch was am verwunderlichsten war, war das selbst die Krypta Schattenwinkels, einst von Untoten übersäht, nun still und leer darnieder lag. Nichts erinnerte daran dass es hier einst von Wiedergängern gewimmelt hatte. Der Eulenruf, dessen Untergrund steht’s von den Unhorden der leblosen Wanderer durchzogen war, schien nun einem Gemälde zu gleichen - in dem sich nichts veränderte, nichts bewegte. Als hätte jemand eine unsichtbare Decke über Schattenwinkel gelegt und es in sanften Schlaf gewogen.

Man fand kein Blut, kein Zeichen von Kampf oder Hinweise auf das, was geschehen war. Man wusste nur eines: Dieser Nebel war gefährlich, und es war nicht auszuschließen, dass er wieder kam.

5. Skara Braes Untergang

Es war mitten in der Nacht, als die Wachen Sturm läuteten. Mit Beunruhigung hatte das Ordinariat Skara Brae die Berichte aus Schattenwinkel und vom Finsterzacken verfolgt, doch schien der Kelch bisher an ihnen vorüber gezogen sein.

Wie sollte man sich gegen einen unbekannten Feind mit unbekannten Waffen wappnen? Das Volk bebte, verlangte Antworten und Schutz. Als dann noch die Nachricht eintraf, dass das Labyrinth zu Maze schlichtweg leer war - als ob dort nie etwas existiert hätte, ob lebendig oder entartet - schien das Fass zum Überlaufen voll. Doch Jahre der Herrschaft hatten das Korps und die Führungsriege diszipliniert und auch das Volk gelehrt, den Anweisungen zu Folgen.

Die Wahrheit hinter Skara Braes Mauern schien in diesen Tagen wenig Rolle zu Spielen. Der Namenlose wurde auf offener Straße geehrt während sich die Kultisten hinter verschlossene Türen zurückzogen, um ihren Herrn Gargauth anzurufen. Nichts ahnend, dass dieser bereits tiefer in dem sich anbahnenden Krieg verstrickt hatte, als es ihm selbst lieb war. Doch wählte er letztlich die Treuesten unter den Kultisten aus und erschien ihnen in der Nacht vor dem Angriff.

>>Hört, ihr letzten Treuen, was ich zu sagen habe. Euer Lord befiehlt es euch!<< Über die gesenkten Häupter hinwegblickend, die unter dunklen Kaputzen verborgen blieben, betrachtete Gargauth das Innere seines Tempels. >>Die Scharen des Chaos werden stärker und stärker. Nicht mehr und nicht weniger als unsere Vernichtung streben sie an. Die uralte Fehde entflammt zu neuer Kraft. Doch können wir Kapital daraus schlagen, dass diese ungehobelten Holzköpfe erneut versuchen, die Herrschaft dieser Welt an sich zu Reißen.<< Keiner wagte es zu Lachen, obwohl ihr Lord gleichwohl grinste. So leicht schaffte es auch eine Heerschar der ewig währenden Feinde nicht, ihn aus der Ruhe zu bringen. Und gleichwohl: Wenn die Relikte Ezkaels ihm dienen konnten, warum dann nicht auch dem Verborgenen Lord?

>>Skara Brae wird fallen.<< Man hörte wie Einzelpersonen nach Luft schnappten. Nicht jedem war die Stadt egal. Für einige war sie lange Heimat gewesen. >>Und das ist gut so. Ich werde ein Wunder wirken...<< er erlaubte sich wieder ein süffisantes Lächeln, wobei die endlose Schwärze seiner Augen die Anwesenden brennend zu mustern schien, >>...aber keine Angst, es werden keine Blümchen sprießen oder weiße Drachen aus dem Himmel purzeln. Nein.<< Die Hände auf dem Rücken verschränkend wand sich der Lord von seinen Jüngern ab und durchschlenderte den Raum. >>Vielmehr wird es sich um eine Falle handeln, die wir diesem ungehobelten Pack stellen. Aus diesem Grund habe ich euch auch versammelt, meine Jünger.<< Ein leises Raunen ging durch die Gruppe. Sie alle hatten Anweisung erhalten, auf den verschlungensten Pfaden, um sich auf diese Nacht vorzubereiten. Der Lord hatte ihnen gesagt, dass es nun auf sie ankam, und keiner versagen durfte. Er würde keine Gnade walten lassen, sollte einer der Kultisten ihn enttäuschen - und mochte die Rache noch so lange auf sich warten lassen.

So begab es sich, dass alle Bürger Skara Braes zur selben Zeit erwachten und ein seltsames Brennen verspürten, als das unsichtbare Mal des Lords zu wirken begann. Viele wussten nicht, was der seltsame Gesang zu bedeuten hatte, der über der Stadt wie zu schweben schien - eine Intonation, melodisch beruhigend und kraftvoll zugleich.

Doch als die Nacht kam und der Nebel näher rückte waren sie vorbereitet. Diejenigen, die nicht mit dem Mal Gargauths gezeichnet waren, konnten die Stadt noch rechtzeitig verlassen, um dem Grauen zu entkommen. Der Rest jedoch fand ein ebenso gespenstisches Ende wie die Orks am Finsterzacken und die Bewohner Schattenwinkels. Doch im Gegensatz zu diesen verschwanden die Skara Braer nicht, sondern erhoben sich im Moment ihres Todes wieder. Blassen Schatten ihrer Vergangenheit gleich drangen sie tief in den Nebel vor und zogen sich gleichsam in ihre Stadt zurück wie der Nebel in den Finsterzacken, als der Morgen graute.

So überlebte nur ein Bruchteil der Skara Braer Bevölkerung und machte sich auf den langen Marsch, einen sicheren Ort zu Finden. Doch die meisten jener, die überlebt hatten, wussten nicht dass einigen wenigen unter ihnen ein Gegenstand anvertraut worden war, dessen Besitz sie mit Leib und Seele zu verteidigen beauftragt waren.

6. Als Trinsics Glocken verstummten

Dichtgedrängt erwarteten die restlichen Trinsicer Bürger das Unvermeidliche. Erst wenige Stunden war es her, dass vereinzelte Überlebende aus Yggdrassil die goldene Stadt erreicht hatten. In ihrer Verzweiflung waren sie sogar ins Wasser gesprungen, um die Meerenge, die einst von einer Brücke überspannt war, zu durchqueren. Verzweifelt hatten sie um Einlass gebeten und die redlichen unter den Trinsicer Bürgern eilten herbei, um ihnen wärmende Decken und ein wenig Suppe für den Magen zu Bringen. Bang wartete man die Stunden ab, ob sich der Todeshauch, wie der Nebel mittlerweile genannt wurde, über den Totenwald ausbreiten würde, bis vor die Tore der Stadt. In aller Eile entlud man alle Frachtschiffe, um möglichst viele Personen evakuieren zu können, nun da der Landweg völlig abgeschnitten schien. Ein paar Verzweifelte suchten ihr Heil in der Flucht gen Nebelfelsen und in den Sumpfwald, doch kamen sie nicht weit.

Das beherzte Eingreifen einzelner Bürger half das Leben vieler zu retten, aber alle konnten unmöglich auf den Schiffen Platz finden. Einzelne Magi, rar geworden auf dieser Welt, versuchten Tore zu erschaffen um die restlichen Leute zu evakuieren, doch scheiterten sie an den Interferenzen. Wie in Schattenwinkel schien sich auch hier etwas über das Land zu legen, spürbar wie eine schwere kühle Decke, die sich langsam senkte.

Der Wind pfiff durch die Straßen Trinsics und die Wachleute schulterten ihre Waffen. Mit sich trug der eiskalte Hauch ein Wirrwar an Stimmen, Zischen und Kreischen. Ein junger Kadett verlor die Fassung und wimmerte, bis ihm sein Kommandant einen Genickschlag verpasste der ihn auf die Knie sacken ließ. >>Reiße dich zusammen Bursche! Wir sind Krieger des Reiches Horadrim, keine Waschweiber!<<

Mit zusammengekniffenen Augen musterten die restlichen Soldaten die Nebelwand, die sich langsam durch die Wälder walzte. Ein Hirsch brach lautstark durch die letzte Buschreihe, doch war zu langsam. Als ihn der Pesthauch berührte sackte er mit einem kläglichen Laut dumpf auf den Boden. Einige der Männer und Frauen bekamen es mit der Angst zu tun und nahmen die Beine in die Hand. Der Rest, kampferprobt und unerschütterlich in ihrem Glauben an Reich und Götter, verharrte auf der Mauer.

Mit einiger Verwunderung betrachtete der Trupp am Stadttor, wie die Statue Lavains zu Glühen begann und wenige Sekunden später zu Schmelzen schien. Gleichsam lichtete sich der Nebel etwas. Doch das, worauf er den Blick freigab, erschien den letzten Verbliebenen keine Erleichterung zu verschaffen.

Der Schrei einer Stadtwache ging in ein ersticktes Gurgeln über, als sein Lungenflügel von einem knöchernen Pfeil einer Sumpfelfe durchbohrt wurde, die kaum noch als solche zu erkennen war. Doch das letzte Geräusch, das in Trinsic und seiner Umgebung zu hören war war nicht das Klirren der Schwerter, nicht das Stöhnen der Schwerverwundeten und Ächzen der Bögen - nein, es war der tiefe Ton der Trinsicer Glocken, die ihren Sterbenden das letzte Geleit gaben.

7. Das Relikt des Letzten

Baenen lachte Tränen, als die in Leinen gekleidete Priesterin vor ihm auf und ab geschleudert wurde, abwechselnd gegen Boden und Decke. Mit furchtsam geweiteten Augen betrachtete eine weitere, schmächtige Menschenfrau das grausame Spiel Ezkaels, der die Priesterin einem Hüpfball gleich durch den Raum schleuderte, während seine Anhänger lachten. >>Nein... nicht...<< mit halb gebrochener Stimme warf sich die junge Frau dem Dämon zu Füßen und schluchzte auf. Der leblose Körper der Priesterin sackte schlaff vor ihr zu Boden. >>B...Bitte, Gnade.<< - >>Aber aber.<< Ezkael hob die Klaue leicht an, was die Priesterin wieder etwas empor hob. Leer und stumpf starrten ihre leblosen Augen zu Boden, der Kopf hing ohne jedwede Verbindung zum Rückgrat nach vorn, berührte ihre Brust mit dem Kinn.

Fröhlich in die Hände klatschend beugte sich der Diener Ezkaels zu der Überlebenden. >>Nun mein Täubchen,<< flüsterte er dem zitternden fassungslosen Bündel ins Ohr, >>willst du auch so enden? Welch eine Verschwendung wäre dies<<. Baenens Anwesenheit lies die Novizin schaudern, die ihre Arme um ihren Oberkörper verkrampft hielt und nur stoßweise atmete. >>Nein, natürlich willst du das nicht. Es ist auch alles nur halb so schlimm.<< Seine Stimme nahm wieder diese sanft modulierte, wohlklingende Art an, während seine klamme Hand langsam die Schulter seines Opfers berührte. >>Ruhig, ruhig... ganz ruhig, mein Kind. Du musst ja schreckliches durchstanden haben.<< In einer rührenden Geste der Barmherzigkeit nahm er seinen verschlissenen Umhang ab und hüllte das weinende, kaum dem Mädchenalter entwachsene Geschöpf darin ein. Sie war die perfekte Kandidatin. Vorausgesetzt Ezkael tötete sie nicht im Jähzorn, so wie er es mit der Priesterin getan hatte.

Es war ein Glücksfall, dass sie beide in Trinsic aufgreifen konnten. Dem Gesetz von Tugend und Glauben folgend waren sie in der Stadt verblieben, anstatt zu flüchten, um das Reichsgebiet zu Verteidigen und die Unschuldigen zu Schützen. Nie würden es die Anhänger Kerissas lernen, der Dunkelheit aus dem Weg zu gehen. Er schätzte und verabscheute dies zugleich; auf der einen Seite boten sie auf diese Weise Kurzweil, auf der anderen konnten sie leicht zum Ärgernis werden.

>>Komm mein Kind,<< wiederholte Baenen sanft und zog die junge Frau auf ihre zitternden Beine. Fürsorglich legte er seinen gesunden Arm um sie und führte sie langsam durch die Reihen, ihr dabei beruhigende Worte ins Ohr flüsternd, säuselnd, sie langsam in den Traum einwebend der fortan ihre Existenz bestimmten sollte.

Als er zurückkehrte, ohne die Novizin, wartete Ezkael schon gelangweilt. Er hatte die Leiche der Priesterin gerade in Richtung seiner Sucher - der Fleischreisser - geworfen, als Baenen ein angeekeltes Schnauben von sich gab und einen verirrten Arm mit dem Fuß beiseiteschob. Für die Jahrhunderte, die er schon unter den Heerscharen zubrachte, hatte er sich zwar gut an solch makabere Anblicke gewöhnt, konnte aber seine Abscheu davor damit in Berührung zu kommen kaum verbergen.

>>Baenen! Wo ist das Mädchen?<< Ezkael schnippte gelangweilt noch einen Knochen zu den sich auf die Überreste der Priesterin stürzenden Suchern, während er sein Haupt dem neben seinem Ungetüm kläglich wirkendem Humanoidem zuwandte. >>Mein Fürst, es schläft nun. Morgen werden wir deinen Willen erfüllen.<< - >>Morgen? MORGEN?! Warum dauert das so lange?!<< Ezkaels Atem kondensierte in der Luft, als er die Worte hervor zischte, leicht bebend. >>Fürst! Bedenkt dass sich das Tor erst im Lichte beider Monde zeigen wird. Heute ist uns Felucca nicht gewogen, doch Morgen wird er sich mit Trammel abzeichnen. Dies wird nur schwach der Fall sein, für die Augen der Menschen verborgen, doch sollte die Lage der Gestirne genügen, das Tor zu offenbaren. Und das Mädchen wird unser Schlüssel sein!<< Unwirsch grollend ließ sich der Fürst des Eises in seinen Thron zurück sinken. >>Ich habe genug gewartet!<< donnerte seine Stimme durch die eisigen Hallen, die ein grausames Echo wieder warfen. Die Sucher hörten auf um die Leichenreste zu Balgen und duckten sich, die restlichen Wesen im Raum wagten es ebenso wenig sich zu Rühren. >>Sire, warum einen Sieg für einen einzigen Tag riskieren?<<

Unwirsch wirkend warf Ezkael noch einen giftigen Blick in den Raum. >>Geh, Baelen. Such die Insel auf der Kaant das Relikt des Letzten verborgen hat. Und wage es nicht, mich noch einen Tag länger warten zu lassen.<< - >>Jawohl, mein Fürst.<< Baelen verneigte sich tief und eine Spur galanter als noch Wochen zuvor, denn langsam kam auch er wieder zu Kräften.

Nun hatte er fast 40 Stunden Zeit, die Inseln im Piratenmeer abzusuchen, um Hinweise auf das Tor zu finden.

8) Magincias Schicksal (1)

Es war spät geworden, als Alwa ihre Arbeitsstätte, liebevoll die "Taverne höchster Genüsse männlicher Natur" genannt, verlies - einer noch vergleichsweise noblen Einrichtung Magincias, um die Bedürfnisse alleinstehender Krieger zu erfüllen oder zumindest für einen guten Umtrunk her zu halten. Sie war noch auf einen Schwatz mit einer ihrer Kolleginnen geblieben, denn die beunruhigenden Ereignisse hatten sich längst bis zur Insel herum gesprochen. Es schien, als würde eine seltsame Krankheit, von einer Wolke getragen, das gesamte Festland befallen. Gut, dass Magincia so weit ab vom Schuss auf offenem Meer lag. Zumindest würden sie keine Probleme haben genügend Schiffe zusammen zu bekommen, dachte Alwa voller Hohn, denn das Ende Trinsics hatte sich Dank der Überlebenden etwas herumgesprochen.

Mit einem koketten Zwinkern begrüßte sie die beiden magincianischen Wachen, als sie die Stufen der Hafentreppe zurückgelegt hatte. Sie wollte einen Goldschilling in der Bank ablegen - dies tat sie jeden Tag, seit über 15 Jahren, und sparte so auf ein besseres Leben. Sicher, man konnte es auch schlechter treffen; viele Magincianer waren spendable Leute und der eine oder andere sogar ein recht guter Kerl, wenn man sie zu Nehmen wusste. Als gebürtiges Kind dieser Insel waren ihr Gebaren und Benehmen der Einheimischen nicht fremd, und so sehr sie auch manchmal fluchte: Im Grunde liebte sie die Insel. Sie war Heimat.

Doch etwas veränderte sich schlagartig. Eine der Wachen umgriff ihren Oberarm und ließ fast seine Waffe fallen. >>Weib, siehst du das?!<< fragte er barsch, sie mit einem Ruck herum drehend und auf das Meer deutend. Dort, am Horizont des Meeres, das sich endlos hinzustrecken schien, verfärbte sich der Himmel gräulich. Einzelne grelle Lichtblitzte schienen totenstill durch die sich aufbauende Wand zu zucken, dann wieder zu verschwinden. Awa stammelte ein "Ja", ehe sich der Milizer zu seinem untertänigen Wachmann wandte. >>Scher dich zum Hauptquartier und erstatte Bericht! Das geht nicht mit rechten Dingen zu!<< Manche behaupteten, auf Magincia könnte man keinem Vertrauen. Dem stand seit jeher der eiserne interne Kodex der Milizer entgegen, an den er fest glaubte: Füreinander, Miteinander. Dennoch blickte er dem jungen Kerl noch kurz hinterher, um sicher zu gehen, dass jener in die richtige Richtung lief und umgehend Meldung erstattete.

Alwa nutzte dies, um sich vorsichtig dem Griff des Mannes zu entziehen. >>Was ist das?<< fragte sie mit überraschtem Blick, als die kleinen Punkte, die vor der Nebelwand kaum aufgefallen waren, allmählich größer wurden. Der Milizer, der soeben noch an ihrer Seite gestanden hatte, fluchte und spurtete die nächstgelegene Treppe auf die Stadtmauer hoch, um dort die Alarmglocke wüst zu Schlagen.

>>ZUM HAFEN! ALLE MANN AN DIE WAFFEN! ZUM HAFFEN!<<

Der Ruf verbreitete sich in Windeseile über die Insel. Ähnlich wie in Vesper, wo das Volk Übergriffe mit einer gewohnten stoischen Ruhe entgegenblicken konnte, fanden sich auch auf Magincia die wehrhaftesten Bürger Seite an Seite mit den Inselwachen ein.

Ungewohnte Stille breitete sich über dem sonst so lebhaften Fleck Erde aus. Man wartete, ungeduldig angespannt, bis ein Schrei der Erleichterung durch die Reihen ging, und von Befehlshabenden zu Befehlshabenden auf diese Weise weitergereicht wurde: >>Piraten! Segel aus Buc'Den!<<

Doch etwas war seltsam. Die Schiffe drosselten ihre Fahrt nicht, auch wenn sie dem Hafen näher und näher kamen. Hektisch kletterten Hafenarbeiter auf Laternenmäste und in Bootsnetze, dort wild winkend und Befehle schreiend, doch es war als würden sie nicht gehört werden. Der beherzte Befehl eines Milizers, die Kanonen zu beladen, kam keine Sekunde zu spät. Dennoch durchbrachen die Kanonenkugeln nur bei einem Schiff genug Planken, dass dieses allmählich zu sinken begann und somit durch das einlaufende Wasser schwerer geworden an Fahrt verlor. Das zweite schien vom Kurs her ohnehin unbestimmter und den Hafen zu Verfehlen.

Nur ein einziges Schiff, die "Schwarze Mamba" rammte den Pier mit voller Fahrt. Holz splitterte, ein Fischerboot brach ächzend auseinander und die Stadtbewohner die in Hast zurückgewichen waren hoben die Arme schützend über ihre Köpfe als sich ein Splitterregen über sie ergoss. Eine kleine Flutwelle schwappte über das, was vom Pier noch übrig war, und ein Hafenarbeiter schrie hastig Befehle. Ob Milizer oder Stadtangehöriger, zusammen gelang es ihnen, das gefährlich auf und ab schwankende Schiff zu vertäuen, damit es nicht den Rest des Holzpiers endgültig einreißen konnte.

In der Ferne hörte man das dumpfe Rumsen des zweiten Schiffes, das an der Küste zerschellte, abgetrieben vom Hafen. Mit knappen Befehlen teilten sich die kampfbereiten Magincianer auf. Eine Gruppe blieb vor Ort um das Schiff zu inspizieren, während die andere nach Überresten und Überlebenden des Zweiten Ausschau halten sollte, entlang der Küste.

Wohl war den Anwesenden nicht, die an der Schwarzen Mamba hinauf starrten. Etwas Seltsames ging von dem Schiff aus. Fast wie ein feiner Geruch - man nahm etwas wahr, aber nicht stark genug, um einzuordnen was es war. Doch man war weder Streiter noch Milizer Magincias, um Angst im Angesicht der Gefahr zu zeigen. Es brauchte nur kurz, bis die Hafenarbeiter ein langes Brett als improvisierte Schiffsplanke heranschafften und so eine Verbindung zum vertäuten Piratengefährt schafften. Langsam, ohne Hast vorrückend, begab sich der Stoßtrupp der Miliz an Bord und sah sich vorsichtig um. Das Schiff war mit Bogenschützen umstellt, falls etwas - oder jemand - versuchen würde in die Stadt einzudringen oder auch nur die Mamba zu verlassen. Sekunden später, als ein markerschütternder Schrei die unnatürliche Stille durchdrang, hoben diese auch die Pfeilspitzen gen Reling, durchspannend und schussbereit.

>>NICHT SCHIESSEN!<< brüllte jemand vom Schiff herab, während man Türen schlagen und Holz bersten hörte. Ein jämmerliches Gebrüll erhob sich, während ein blutbespritzter Milizer an der Reling erschien und hinunter brüllte. >>Alles in Ordnung! Facks hat nur einen Schreck bekommen!<< in den Gesichtern einiger zeichnete sich Erleichterung ab, in denen anderer eher Verwirrung. Nicht alle kannten den frischesten Rekruten, dem seine Eltern aus irgendeinem Grund nicht abgewöhnen konnten, im Ernst- und Schreckensfall erst zu Schreien und dann zu Denken. >>Da kam so ein Ding aus der Kapitänskajüte und griff uns an!<< - >>Ding?<< - >>Ja - sah fast so wie von der Perlmuttflotte. Wir sollten die Kameraden an der Küste warnen. Und sorgt dafür dass unsere "hohen Herren" davon erfahren!<<

9. Magincias Schicksal (2)

Es war spät geworden, doch noch immer brannten überall auf der Insel Licht und Feuer. Nur in einem Raum schien es fast dunkel, obwohl sich viele Menschen angesammelt hatten. Ihnen war offenes Feuer, jegliche Flamme sogar, zuwider. Es entsprach nicht ihrem Naturell sich ihrer potentiellen Vernichtung auszusetzen.

Unruhe war selbst in die Reihen der Untoten gekommen, die auf dieser Insel lebten - unerkannt. Für einige von ihnen waren Menschen Futtertiere, für andere gab es unter ihnen Freunde und Familie; doch wie es auch war, die Bedrohung galt allen. Jedoch schien es, dass die Vampire der Insel einmal mehr den Sterblichen voraus waren: Ein Nebel, der den Tod und die leblose Auferstehung verursachte konnte jemanden, der bereits leblos auferstanden war, wenig anheben. Dies war zumindest eine Hypothese, die in den Raum geworfen wurde. Doch was nützte es, wenn die Welle des Todeshauchs alles sonstige Leben von Magincia spülen würde?

Die Debatten dauerten lange, angespitzt von der einen oder anderen Fehde, die gewisse Anwesende untereinander hegten.

Es war schon weit nach Mitternacht, als die Alarmglocken Magincias ein zweites Mal läuteten, und die Diskussionsrunde sprengten. Menschen rannten auf die Straßen und schrien in ihrer Verzweiflung, als sich der gräuliche Nebel trotz der nächtlichen Dunkelheit sichtbar über ihnen zu erstrecken begann, als würde er seine gierigen Hände über die Insel strecken. Alarmierte Milizer kamen zusammen und sahen stumm mit an, wie sich einzelne Gestalten aus dem aufgewirbelten Dreck des Nebels lösten. Ein entartet wirkendes Pferd, dessen Muskeln auf blanken Knochen offenlagen und leeren Augenhöhlen wie tiefe Löcher wirkten, galoppierte durch die Straße und ließ die Menschen zurück schrecken.

>>KÄMPFT! KÄMPFT FÜR MAGINCIA!<< brüllte ein etwas untersetzt wirkender kräftiger Mann, seine Streitaxt hebend und gen Hafen los rennend - dort, wo die Nebelschwaden begannen, langsam das Pier einzuhüllen. Er wurde verschluckt, und nicht nur sein Antlitz verschwand, sondern auch jedes Geräusch, jeder Ruf, jeder Laut seiner wuchtigen Schritte. Einzelne Menschen wichen zurück, andere hoben ihre Waffen und folgten ihm. Doch fand man keinen, der es in dieser Nacht nicht schaffte die Insel rechtzeitig zu verlassen, wieder.

Diejenigen die überlebten berichteten den Truppen in Cove jedoch, dass man selbst in den Morgenstunden noch in der Ferne den Nebel ausmachen konnte, der Magincia vollkommen umhüllt hatte.

10. Das Relikt des Letzten 2

Leise röchelnd sackte die Novizin zusammen. Ihre Hand klammerte sich immer noch um den Schalter, den sie umgelegt hatte, auf Geheiß Baenens hin. Der Pfeil, der sie durchbohrt hatte, ragte von ihr ungläubig betrachtet aus ihrer Brust und das tiefrote Blut befleckte ihr weißes Kleid. Baenen beugte sich zu ihr und strich ihr sanft über das blonde Haar. >>Sssch, kleine Maid, schlaf nun. Du hast deinen Zweck erfüllt.<< Unfähig etwas zu antworten, rutschte die Novizin am kalten Stein herab, während der Stoßtrupp Ezkaels in die uralten Gewölbe vordrang und das Tor, dass sich im Stein eröffnet hatte, durchschritt.

>>Kerissa... Herrin... vergib mir...<< war das Letzte, was Leela imstande war zu Flüstern. Ihre Augen hatten sich etwas geklärt, als der Zauber Baenens abgefallen war, doch jetzt trübte der Blutverlust und nahende Tod sie wieder ein. Entsetzt, über das, was sie getan hatte betete die Novizin in den letzten Sekunden ihres Daseins stumm, auch wenn ein Hoffnungsschimmer in ihr aufkeimte, als ein gleißendes Licht den Raum hinter dem Tor zu füllen schien und sich ihre Augen endgültig schlossen.

11. Der Tod der Königin

Flüchtlinge aus dem ganzen Reich kamen in der Hauptstadt zusammen, um Schutz zu Suchen. Die Überlebenden aus Trinsic konnten nicht viel mehr berichten als die wenigen, die den Todeshauch in Schattenwinkel überlebt hatten. Ein Nebel. Ein tödlicher Nebel.

Aideen erhob sich, steif und förmlich dem Bericht erstattenden Offizier zunickend, der sich verdattert abermals verbeugte, dann ein paar Schritte rückwärtsging, bis er fast an der Türe ankam und sich dieser zuwendete. Schreie und Rufe drangen durch den Palast, das Geklapper von Rüstungen und Klirren von Waffen war zu Hören.

>>Majestät!<< Horace, ihr Kammerdiener, riss die Türe auf. Mit strengem Blick bedachte sie den Bruch des Protokolls, doch mäßigte sich der Ausdruck, als sie der Tränen in den Augen ihres Dieners gewahr wurde und dieser auf die Knie fiel. >>Majestät! Ich bitte euch! Verlasst Britain! Flüchtet! Er ist fast da... bitte!<< - >>Horace. Erhebe dich.<< Es war wohl das erste Mal, dass sie ihn duzte. Er blinzelte verwirrt, stand aber wie mechanisch auf. Langsam wendete sich Aideen dem hohen Bogen zu, der zum offenen Balkon hinaus führte. >>Britain ist die Hauptstadt des Reiches. Hier an diesem Ort sollte mehr als irgendwo sonst auf der Welt das Licht und die Hoffnung bestehen. Diese Stadt ist Kerissa geweiht, und mein Leben gehört dem Fortbestand des Reiches. Es war mir nicht vergönnt einen Gemahl zu Finden und Kinder zu zeugen, doch wird sich ein Thronfolger offenbaren, so sicherte es mir die Herrin zu. Sie sagte zu mir dass sich alles zum Guten wenden werde, auch wenn die Zeiten schwer sind, die auf uns zukommen. Wir dürfen nur den Pfad der Tugend und des Anstandes nicht verlassen.<< - >>Aber Majestät! Wir brauchen euch doch noch!<< Etwas an der verzweifelten Miene des Mannes, der ihr soviele Jahre treu gedient hatte, rührte die Königin. >>Mein Platz ist an der Seite meines Volkes. Ich werde das Schicksal erfüllen, dass Kerissa mir zugedacht hat. Du aber, Horace, hast eine andere Aufgabe. Ich gebe dir ein Buch, das zwischen den alten Schatztümern derer von Horadrim verborgen war. Du wirst es von hier fortbringen und mit ihm Fliehen, solange bis dir die Götter ein Zeichen geben und du weißt, wem du es bringen sollst. Wirst du dies tun?<< Horace wischte sich verschämt über die verweinten Wangen. Solange er sich entsinnen konnte, von Aideens Kindertagen die viel zu früh endeten bis jetzt, hatte sie nicht gebeten, sondern befohlen - wie es sich für eine Königin gebührte. Doch dies, was sie ihm Auftrag, war mehr als ein einfacher Befehl. Es war eine Art Bitte, einen Auftrag zu übernehmen, nicht nur der Schuldigkeit willen sondern mit ganzem Leib und ganzer Seele. >>Ich werde tun, was meine Königin befielt.<< Der Kammerdiener verneigte sich leicht zittrig, hin und her geworfen zwischen Trauer und Furcht.

Aideen hingegen bewegte sich ruhig zu ihrem schweren Schreibtisch und öffnete das Geheimfach, das in eine der Schubladen eingelassen worden war. Das Manuskript dass sie hervor holte wirkte alt, ein einfaches, in Leder gebundenes Notizbuch. Dennoch behandelte die Königin es wie ein rohes Ei und schlug das Büchlein in ihren Seidenschal, ehe sie es Horace übergab. >>Dann befehle ich dir, dieses Buch wie einen Schatz zu hüten und auf die Weisung der Götter zu warten. Doch wenn du es übergibst, so verkünde dass die Götter uns nicht vergessen haben und sich alles zum Guten wenden wird, wenn wir im Angesicht der Dunkelheit standfest bleiben. Geh nun.<< Der Diener setzte an seine Herrin erneut anzuflehen Britain zu verlassen, doch ihr Blick signalisierte ihm deutlich, dass dies vergebens war. Aideen wandte sich ab und ging gemessenen Schrittes bis zur Türe. Fast vergaß Horace ihr die Türe zu öffnen, besann sich aber im letzten Moment und blieb tief verbeugt neben dem schweren, verzierten Eichenholz stehen.

Ruhig legte Aideen die Distanz bis in den Hof zurück, was die allgemeine Hektik zu unterbrechen schien. Die Welt hatte sich verdunkelt, als sich die nebelartigen Wolken über Britain zusammenzogen. Abermals zuckten einzelne, grelle Lichtblitze durch das Gebilde, von dem eine eisige Kälte auszugehen schien. Die Gardisten und Stadtwachen hielten inne, als Aideen sich langsam auf die Knie begab. Das hastige Anlegen der Rüstungen und Waffen kam fast zum Stillstand, als die Königin ihre Hände faltete und leise zu Beten begann.

Erst das Kreischen eines geflügelten Wesens, dessen ledrige Schwingen fast die Spannweite eines Ochsenkarrens erreichten, lies die Krieger wieder aus der seltsamen Starre ausbrechen, die sie befallen hatte. >>Schützt die Königin!<< brüllte ein Leibgardist, während er versuchte den einfallenden Wesen unter Einsatz all seiner Kraft Einhalt zu gebieten. Waffen prallten aufeinander und Britain versank im Getöse des Kampfs, während die letzten verzweifelten Bewohner versuchten noch schnell genug über den Grünklamm und den Nebelsumpf zu Flüchten.

Doch der Krähenwald und der Handelsposten waren längst dem Todeshauch zum Opfer gefallen. Der Grünklamm war ein Weg, der unweigerlich in den Tod führte.

Diejenigen, die es jedoch schafften zu entkommen, berichteten in der Kossuthwüste dass sie noch aus weiter Ferne das grelle Licht wahrgenommen hatten, dass sich über Britain gelegt hatte, wie eine Art Kuppel.

Doch nur ein kleiner Brief Aideens, gefaltet und zwischen den Seiten des Manuskriptes dass sie ihrem Diener Horace mitgegeben hatte versteckt, würde eine Antwort liefern, darüber was wirklich in Britain geschehen war.

12. Die letzten Bastionen

Unruhig durchschritt Baenen die langgezogene Halle. Fratzen, an denen Eiskristalle herabhingen, schienen ihn unentwegt zu Beobachten. 4 der Artefakte hatten sie inzwischen gefunden. Die alten Schriften hatten sich als vorzügliche Wegweiser bewiesen. Doch Ezkael benötigte mehr, mehr Macht, mehr Diener. Seine Verschmelzung mit zweien der Relikten hatte seinen Jähzorn nicht besänftigt. Zwei weitere waren vorgesehen, um einen seiner Brüder und eine seiner Schwestern zurück zu Holen. Ihre gemeinsamen Kräfte würden genügen, die Welt zum Untertan zu machen. Die Legionen, die sie befehligen konnten, würden die Heerscharen Ezkaels nur vervollständigen und zu einer unüberwindbaren Masse anschwellen lassen.

Doch wo waren die anderen Relikte? Baenen schrie vor Zorn auf und richtete seinen Blick auf eine zerlumpte Gestalt, die vor ihm auf dem Boden lag. Ihre Robe hing in Fetzen an ihrem Leib herab und ihr Wimmern hing wie ein gespenstisches Lied über der Szene. >>Wo könnte sich das Relikt verstecken? In der Wüste war es nicht. Das Hohlzahngebirge gehört längst uns. Euer seltsamer kleiner Hafen? Fortgewischt. Wo ist es?<< er beugte sich nah zu dem halb von Sinnen wirkenden Mann dessen Gesicht völlig entstellt wirkte. >>Auf der Elfeninsel wurden wir nicht fündig. Der Jünger Belotra wollte uns nicht offenbaren, ob sie im Besitz von Ka'sham waren. Vielleicht konnte er es auch nicht, wer weiß das schon. Du bist doch ebenso ein Jünger der Natur, Menschlein. Sag, was weißt du über Ka'sham? Wo ist es?<< Sein Blick ruhte bohrend auf dem Mann, der sich nun vor Schmerz ächzend krümmte. >>Weißt du, ich werde nicht leicht ungeduldig. Aber langsam spüre ich ein gewisses Unwollen in mir aufkommen. So ein Art... Kribbeln, das mir doch glatt eine Gänsehaut beschert. Hättest du nicht doch die Güte, mir zu verraten, was ich suche?<< Gereizt schritt er erneut auf und ab, als nur ein weiteres Wimmern antwortete. Der halb irre Blick des Menschen ließ Baenen daran zweifeln, dass er noch recht viel aus dem jungen Mann herausbringen würde. >>Outside... Wimmer... Mutter... Wimmer... Elfen... Wimmer...<< er seufzte schwer, >>...was für ein ergötzliches Gespräch.<< Ein sarkastisches Lächeln umspielte den Mundwinkel, der im fahlen Licht der spärlich gesetzten Fackeln kurz zu sehen war. Seine Hand ballte sich zur Faust und der Efree Garlens krümmte sich in Agonie. Sein Schrei erstarb, als sein Körper völlig erschlaffte.

7 Relikte. 4 davon in ihrem Besitz. Wo war der Rest? Existierte er noch? Hatten die verfluchten Diener des Götterbundes Wege gefunden, die restlichen Relikte zu zerstören? Baenen kochte nahezu vor Wut. Nichts war aus den Menschen heraus zu bringen. Alle Gefangenen, die sie am Zwielicht Hafen und in der Kossuthsiedlung gemacht hatten, waren letztendlich unnütz gewesen. Aber noch standen ihrem Triumphzug ein paar Städte entgegen.

13. Cove fällt

Es begann mit einem dumpfen Grollen. Dicht an dicht standen die Überlebenden und Kämpfer, die das Reich so sehr verabscheuten. Doch seit der Todeshauch die Welt überzog blieb keine Zeit für Scharmützel mit der Garde oder Ausfälle gen Vesper. Cove war der letzte Rückzugsort der Königsfeinde, der noch nicht gefallen war.

Die Gerüchte, dass der Nebel die Gefallen wieder auferstehen ließ, war auch bis hier her durchgedrungen. Nur wenige wussten, dass selbst die Vampire Magincias Veränderungen durchlebten, wenn sie mit dem Nebel in Berührung kamen. Es war, als würde eine unsichtbare Macht ihre Innerstes erfüllen und für nichts Platz lassen, außer Raserei und unbändigem Zorn.

Die Brüder und Schwestern auf der Insel hatten tapfer gekämpft, und dennoch war sie gefallen. Schwer wog die Trauer einzelner um ihren Heimatort und noch schwerer wog ihre brennende Begierde, Cove zu halten. Jene Stadt, die sie mit Blut und Schweiß erkämpft hatten, so wenige Monate zuvor. Der Ort, der einst als uneinnehmbar galt, gehalten vom Reich und den Cover Landsern. Doch lange waren die strahlenden Zeiten vorbei, in denen die Stadt noch blühte und von Leben nur so strotzte. Lange war es zu einem verschlafenem, kleinen Nest verkommen, bevor die Königsfeinde einmarschierten und es mit neuem Leben erfüllten.

Nun standen sie also hier, die Überlebenden, und fuhren herum, als der Berg zu Grollen begann. Ein Schrei ertönte, als ein Krieger vom Plateau der in die Anhöhe gebauten kleinen Häusersiedlung gestoßen wurde. Der dumpfe Laut, gepaart mit dem Scheppern seiner Rüstung, als er auf dem Boden aufkam mischte sich in das aufkeimende Geräusch berstenden Steins. >>RÜCKZUG<< brüllte ein Befehlshaber gerade rechtzeitig, bevor die ersten Steinbrocken von der Bergkuppe gesprengt wurden und gen Stadt rasten.

Sie waren auf vieles vorbereitet, aber was konnte man gegen einen Steinhagel tun, der sie zu erschlagen drohte?

Man sah Blitze und Feuerstöße durch die Luft zucken, als die anwesenden Magier einzelne Felsbrocken zerschmetterten und hörte das Stimmgewirr durcheinander rufender Menschen, die versuchten sich in der staubbeladenen Umgebung zu orientieren. Der aufgewirbelte Dreck versperrte großflächig die Sicht, und immer wieder war das Geräusch brechender Knochen zu Hören. Menschen flüchteten sich zur Küstenlinie und ins Inland, fort vom herabstürzenden Gestein, in den Schutz des Dolenforst.

Einzelne Schiffe schafften es noch, Cove zu verlassen, bevor die Erde zu Beben begann. Die Leute, kampfgewohnt und wenig schreckbar, die nicht Hals über Kopf geflohen waren sondern sich in der Nähe bereit hielten und beobachteten was geschah, sahen wie sich ein riesiger Schatten an der landeinwärts gewandten Seite des Cover Gebirges entlang zog. Ein Geräusch tausender aufeinander schleifender Schiefertafel ertönte und verursachte ein Gefühl, als würde der eigene Kopf gleich zerspringen. Doch hatte keiner so viel Glück, dass dies wirklich geschah. Stattdessen brachen weitere Felsreihen aus dem hoch aufragenden Gestein und ein von gräulich-weißem Staub bedecktes Ungetüm begann sich aus dem Riss zu schälen. In den Ausmaßen einer Mischung zwischen Wyvern und dem Gebirge selbst gleich, riss das Vieh den Kopf zurück und entblößte ein Maul mit mehreren Reihen manngroßer Zähne. Seine Zunge schnellte hervor, als würde es versuchen zu Wittern, ehe es einen tiefen Atemzug tätigte. Die Lungen - falls es überhaupt welche hatte - mit frischer Luft gefüllt stemmte sich das Ungetüm endgültig aus dem Berg und ließ ein markerschütterndes Brüllen erklingen, dass sich bis Vesper fortzog und die Stadt in helle Aufregung versetzten.

Ganze Häuser Coves verschwanden im Schatten des Monsters, dass sich mit schweren, die Erde leicht zum Vibrieren bringenden Schritten einen Weg in die Innenstadt bahnte. Dann öffnete es sein Maul ein zweites Mal und eine Woge Dunkelheit ergoss sich aus dem tief wirkendem Schlund der Bestie, in dessen Mitte ein unheimliches Glühen zu Lauern schien. Die Dunkelheit begann um sich zu Greifen und einer Wolke gleich die Stadt einzuhüllen, bis nicht einmal mehr die Spitze des Cover Gebirges zu sehen war.

14. Götterreigen

Langsam blinzelte der junge Drache dem grellen Licht entgegen und schüttelte sein weißes Schuppenkleid dann aus. Seine tiefblauen Augen verfolgten die Schritte seiner Herrin wachsam, doch auch mit einer Spur Besorgnis. Hierher, in die Hallen der Götter, hatte sie ihm geheißen zu Folgen.

Auch die anderen versammelten Götter wirkten angeschlagen. Von manchen war nur ein blasser Hauch übrig, als hätten sie sich schon von der Welt verabschiedet. Andere pflegten in heftigen Disputen ihrer Meinung über die Situation Ausdruck zu verleihen. Ja, es war eine Fülle an Göttlichem, das sich hier eingefunden hatte. All jene, die bereit waren den Bund der Götter anzuhören.

Selbst Kossuth hatte seinen Avatar entstand. Der junge Drache räkelte sich leicht in der Hitze, die von jenem ausging und ließ seinen Blick dann weiter schweifen.

Kerissar hatte mittlerweile zur rechten Garlens Platz genommen und wurde auf der anderen Seite von Azuth flankiert, dessen Blick wie steht’s abwesend wirkte. Als wäre er längst mit völlig anderen Dingen beschäftigt. Geheimnissen, die in der Vergangenheit oder Zukunft liegen würden.

>>Wir müssen etwas unternehmen!<< drang eine Stimme durch die gesamte Halle der Götter und brandete an den hellen marmorartigen Wänden wieder. >>Kein Lebewesen, weder Mensch noch Tier, noch Elf noch sonst etwas kann diesem Irrsinn entkommen!<< erhitzten Gemütes schlug Shaundakul auf den Tisch vor sich, so dass sein Humpen auf und ab hüpfte doch seltsamerweise dennoch keinen Tropfen verschüttete. >>Sachte, kleiner Bruder.<< Garlens sanfter Ton durchdrang den Raum mit einer gewissen Ruhe, bis Ischnak sich ächzend erhob. >>Bei meinem Bart! Nicht einmal meine Insel haben sie zufriedengelassen, dieses Ungeziefer! Zwergenbeine sind nicht zum Wegrennen gedacht!<< er brummte, sich über seinen langen Bart streichend und das Ende einer geflochtenen Strähne um seinen dicklichen Finger windend. >>Du hast leicht Reden, große Mutter, dein Garten steht ja noch!<< Scheppernd ließ sich Ischnak wieder auf seinen Sitz fallen und blickte düster drein, bis ihn der strafende Blick Kerissars traf. >>Es geht hier nicht um Besitz und Gebiete, es geht hier um die Existenz. Sogar um mehr, als nur unsere eigene Existenz.<<

Gemurmel machte sich unter den Unsterblichen breit. >>Was möchtest du uns damit sagen, Große Jägerin?<< Muriels kalkulierender Blick streifte die Lichtgestalt aufmerksam. >>seit einiger Zeit nun schon streiten meine Schwester und ich wider Fenrie. Wir können nicht ihn und seine Brüder gleichzeitig aufhalten. Jedenfalls nicht, ohne diese Welt zu verwüsten. Ihr jedoch...<< - >>Wir kämpfen ebensssso!<< das Zischeln des Avatars Kossuths drang vernehmlich durch den Raum. >>Dasss Licht gebührt nicht dir alleine, Kerissssar.<< Seine Flammenaura leuchtete stärker auf, vertrieb etwas des hellen Lichtscheins und ersetzte es durch wohlige Orange- und Rottöne.

>>Die letzten Wesen flüchten sich entlang des Darunel.<< Mit einer sanften Bewegung hob sich Garlens Hand und ließ ein Abbild des gesamten vom Darunel durchzogenen Gebietes inmitten des Raumes entstehen. >>Wir müssen ihnen die Möglichkeit geben zur Ruhe und zu Kräften zu Kommen. Die Mächte der Welt sind im Ungleichgewicht. Krankheit und Schwäche haben die Lebewesen anheimgefallen.<< - >>Nicht zu vergessen... die magischen Interferenzen... bis die Magier damit umgehen können... ouh...<< auch wenn sich Azuths Bart kaum bewegte, war ersichtlich, dass die vor sich hin gemurmelten Worte nur von ihm stammen konnten.

>>Was treibt eigentlich unser kleiner Lord?<< Kerissars Hand spannte sich um eine rötliche Figur, ehe sie jene eher schnippischen Ausdrucks gen Abbildung des langgezogenen Flusses schnippte. Lavain kicherte erfreut, als die Abbildung Gargauths im Fluss ertrank, wobei er dies noch etwas dramatisierte, während der Rest der Göttlichen die kleine Geste eher unbeachtet ließ. >>Ihm dürfte es nicht egal sein, wenn das Chaos die Herrschaft übernimmt.<< - >>Und dennoch hat er nichts in der Halle der Götter zu suchen! Er ist nur ein Emporkömmling!<< Tempus Stimme durchbrach die Luft schneidend, befehlsgewohnt und gerade heraus. >>Hast du nicht selbst einer Sterblichen göttliche Gnade gewährt?<< Garlen blickte den Gott des Krieges sanft an, doch eine Hand wohlweißlich an ihrem Bogen behaltend. >>Das war etwas anderes.<< barsch nahm Tempus wieder Haltung an und blickte in die Runde. >>Wir sollten die Sterblichen ihr Schicksal entscheiden lassen! Nur der Stärkste hat das Recht, zu Überleben!<<

Wieder setzte Stimmgewirr ein. >>Das Schicksal findet immer seinen Weg. Dies ist nicht mein Kampf.<< Tyche hielt die Münze, die sie bisher fortwährend zwischen ihren Fingern balancierte, nun fest und erhob sich.

>>Wartet! Wenn ihr jetzt nicht kämpft habt ihr vielleicht nie wieder die Chance dazu.<< die Lichtjägerin erhob sich. Eine niedere Gottheit lachte und wandt ihr mit Federn verziertes Anlitz zu Kerissar. >>Es gibt viele Welten. Wofür unser Ende riskieren?<< Ihr leichtes Daunenkleid bewegte sich leicht im unnatürlichen, kalten Luftzug, als die Türe zur Halle der Götter aufsprang. Sekunden später verblasste die Gestalt der Gottheit, während ein keuchendes Lachen den Saal erfüllte.

15. Der Sturz der Götter

Fenries abartiges Grinsen wollte nicht versiegen, während er die Kraft der erlegten Göttin in sich aufsog. Der junge Drache war in die Höhe geschnellt, fauchend, als seine Herrin zu ihrem Bogen griff. Auch der Rest der Götter war auf den Beinen, doch brachen die Getreuen des Dämonenvaters bereits durch die Seitenwände. Drei Brüder Ezkaels, erweckt durch seine Taten und die Anwendung der uralten Relikte, fielen über die Unsterblichen her.

Die Menschen, die sich in Minoc und Vesper versammelt hatten um Zuflucht zu suchen, wurden von Getöse und Kampflärm geweckt. Doch die Straßen waren, bis auf gleichsam verwirrte Personen, leer. Wie eine brennende Fährte zog sich ein rötlicher Lichtstrahl quer durch den bewölkten Himmel, ehe silbrige, blitzartige Objekte durch einzelne Wolkendecken brachen. Die Tiere, mit ihren Besitzern in die Zufluchtsstätten gekommen, schienen völlig den Verstand zu verlieren und nur mühsam zu Halten. Pferde rasteten aus und verletzten sich bei dem Versuch ihre Ställe zu verlassen schwer. Hunde fielen ihre Besitzer an. Vögel torkelten desorientiert über den Boden, anstatt zu fliegen, und immer wieder erschütterten schwere Erdbeben das Weltenrund.

Eine Woge gleisenden Lichtes brach sich ihren Weg aus dem unnatürlich dunklen Wolkenzelt und warf die Zuschauer zu Boden. Ein kurzer Aufschrei, dann schien der Himmel selbst zu Explodieren. Blut regnete herab und versenkte den Ungeschützten die Haut, die eilends Zuflucht unter einem Dach suchten und angstvoll, wie erstarrt, dem Krieg harrten der über ihnen tobte.

Die Luft heizte sich unnatürlich auf, schmerzte in den Augen. Übelkeit befiel die Überlebenden und die Welt schien aus den Wogen zu geraten. Kein Zauber war mehr möglich, ob zum Schutz oder Angriff. Gegenstände fielen ohne ersichtlichen Grund zu Boden oder schienen plötzlich zu schwer zum Anheben, anstatt wenige Gramm zu wiegen. Phasenweise war es nicht möglich, einen Fuß vor den anderen zu Setzen und auf den Beinen zu bleiben, weil die Welt selbst zu Kippen schien, und doch gleichzeitig völlig stillstand. Uhren verloren ihre Bedeutung, als sie alle gleichzeitig versagten und ihre Zeiger stehen blieben. Das Wasser des Meeres zog sich über Kilometer zurück, als würde das Meer selbst weichen. Tote Fische trieben auf der Oberfläche des Darunel, während sich das Wasser tiefschwarz verfärbte.

Viele wähnten das Ende der Welt in dieser Nacht, sprachen ihre letzten Gebete und bereiteten sich auf das unvermeidlich scheinende vor. Doch als die Sonne aufging schien der Spuk mit einem Mal beendet.

Einzig ein silbrig weißer Punkt am Himmel, der das Sonnenlicht reflektierte und dort verirrt umherschwebte, gemahnte noch an die schreckliche Nacht.

[ zurück zur Hauptgeschichte ]